Epistemische Erleichterung – oder: Warum sich Recht haben manchmal richtig schlecht anfühlt

Es gibt diese ganz besondere Art von Wissen. Kein solides Faktenwissen, kein »Ich hab’s gegoogelt«, sondern dieses leise, nagende Bauchgefühl. So eines, das sich meldet, während man gleichzeitig denkt: Ach komm, sei nicht so negativ.Es ist das Wissen, das man ignoriert, überdeckt, schönredet – weil man hofft, dass es falsch liegt. Man nennt es später gern Intuition, manchmal sogar Weisheit.
In Wahrheit ist es oft einfach eine ziemlich gute Trefferquote beim Pessimismus. Und wenn sich dieses Wissen bestätigt, soll etwas passieren: Erleichterung. Passiert aber oft nicht. Stattdessen sitzt man da – enttäuscht, müde und denkt: Ich hätte wirklich gern Unrecht gehabt.

Um es mit den Worten einer berühmten Philosophin auszudrücken: »Ich wusste es schon, bevor ich es wusste. Und es fühlt sich trotzdem scheiße an.» — Paris Hilton


Die Theorie der epistemischen Erleichterung

Epistemische Erleichterung – das klingt, als hätte man es in einem Philosophie-Seminar mit Filterkaffee und schlechten Stühlen gelernt. Gemeint ist dieses Gefühl, wenn sich eine Ahnung bestätigt und man denkt: Siehst du. Ich wusste es.

Es soll befreiend sein. Fast triumphal. Aber statt Genugtuung ist da nur dieses dumpfe Gefühl, auf der richtigen Seite der Prognose, aber auf der falschen Seite der Geschichte zu stehen.


Kassandra-Komplex oder epistemische Wahrnehmung? Same but different

Fangen wir mit Kassandra an, denn die arme Frau wird ständig missverstanden. Kassandra hatte Visionen. Echte. Sie sah den Untergang Trojas kommen, sie warnte alle, sie wedelte vermutlich verzweifelt mit den Armen – und niemand glaubte ihr. Spoiler: Troja ist trotzdem untergegangen. Historisch belegt schlecht gelaufen.

Kassandra sagt:
»Wenn wir dieses Pferd reinziehen, geht alles den Bach runter!«
Die anderen sagen:
»Ach komm, entspann dich mal.«
→ Troja brennt.
→ Kassandra denkt: Ich hab’s gesagt. (Genugtuung? Vielleicht. Trauma? Ganz sicher.)

Epistemische Wahrnehmung denkt:
Wenn wir dieses Pferd reinziehen, geht alles den Bach runter.
Sagt aber nichts, weil man nicht schon wieder »die Person sein will«.
→ Troja brennt trotzdem.
→ Man denkt: Ich hätte wirklich gern Unrecht gehabt.

Oder alltagstauglicher:

Kassandra-Modus:
Du sagst beim Teammeeting: »Diese Deadline ist unrealistisch.«
Alle rollen mit den Augen.
Drei Wochen später ist das Projekt eskaliert.
Du bist genervt, aber auch ein kleines bisschen selbstgerecht.

Epistemische Wahrnehmung:
Du denkst beim Teammeeting: Diese Deadline ist unrealistisch.
Sagst aber nichts, weil du müde bist und keinen Bock auf Diskussion hast.
Drei Wochen später ist das Projekt eskaliert.
Und du bist nicht stolz – nur erschöpft.

Kurz gesagt:
Der Kassandra-Komplex ist laut, konflikthaft und tragisch.
Epistemische Wahrnehmung ist still, höflich und innerlich enttäuscht.

Kassandra leidet daran, nicht geglaubt zu werden.
Wir leiden daran, uns selbst geglaubt zu haben.

Das ist genau der Unterschied, der so wehtut: Kassandra wusste, dass sie recht hat. Wir wussten es auch – und haben trotzdem gehofft, falsch zu liegen.


Gewissheit, die man ignoriert

Dieses Wissen kam nicht plötzlich. Es schlich sich an. Nach der ersten Woche dachte ich: Hm. Nach der zweiten: Oh nein. Am Finaltag: Bitte nicht.

Ich sah die Mechanik. Die Sendezeit. Die Polarisierung. Die Sender-gesteuerte Berichterstattung (mein RTL). Die Social-Media-Dynamik. Das Verhalten der Moderatoren. Alles sprach dafür, dass der Lügner am Ende im Konfetti stehen würde. Und trotzdem redete ich mir ein: »Nein, das kann nicht sein. Die Leute sind doch nicht blöd! Die merken das doch. Das kann doch keiner gut finden.«

Ich wusste es. Tief in mir drin wusste ich: Der gewinnt das. Und ich wollte es einfach nicht wissen. Deshalb habe ich mir das Finale auch nicht angesehen.


Der Moment der Wahrheit

Stell dir vor, du bemerkst, dass die vorgesehenen Gnocci fürs Mittagessen seit drei Wochen abgelaufen sind. Aber du schnupperst trotzdem dran und denkst: Vielleicht…mit viel Sauce und dann Käse drüber? Spoiler: vergiss es!

Oder du denkst beim ersten Date: »Der meldet sich nie wieder.« Und als dann wirklich keine Nachricht kommt, nickst du bedeutungsschwer in dein Handy hinein und fühlst dich intellektuell überlegen.

Im Büro: »Diese Präsentation wird nicht funktionieren.« Und dann funktioniert sie nicht – und du sitzt da, schiebst deine halbrunde Lesebrille auf den Kopf und denkst: Ich bin ein Mensch mit Weitblick.

Das Finale bei Let’s Dance. Deine absoluten Favoriten stehen dort neben einem Paar, dass nur aus was-auch-immer-für-Gründen gepusht wurde (mein RTL) und – dramatische Pause – verliert!

Du schaust morgens in den Spiegel und denkst: »Ach du liebe Güte. Wann ist das denn passiert?!“ Und dann sagt dir mittags jemand: »Du siehst ganz schön fertig aus.«

Du hattest recht. Vielen Dank auch!


Die Wetter-App zur Ernte

Man wünscht sich nichts sehnlicher, als dass die Ernte im Trockenen verläuft. Sonne, ein paar harmlose Wölkchen, vielleicht ein bisschen Wind. Die Wetter-App sagt: »Kein Regen.«

Und man denkt: Die lügt bestimmt. Am ersten Tag stimmt die Prognose sogar. Man ist erleichtert. Siehst du, denkt man, unnötige Skepsis.

Am zweiten Tag auch noch. Und dann – natürlich – der dritte. Erst ein Nieseln. Dann »unerwartete Niederschläge«. Dann Starkregen.

Und wieder dieses Gefühl: Ich hab’s doch gewusst.
Aber es ist keine Erleichterung da. Nur nasse Schuhe, matschige Felder und die Frage, warum man der App überhaupt geglaubt hat.


Handball: Hoffnung mit Ablaufdatum

Noch intensiver ist dieses Gefühl beim Handball. Nationalmannschaft. Großes Turnier. Ich hoffe inständig, dass sie gewinnen. Wirklich. Aber ich weiß, dass es ein knappes Höschen werden wird.

Die letzten zwei Minuten: Deutschland führt mit zwei Toren. Noch 1:30 Minuten. Ich kann nicht richtig hinsehen. Laufe im Raum herum. Setze mich. Stehe wieder auf.

Time-out der gegnerischen Mannschaft. Nie. Ein. Gutes. Zeichen.

Gegentor. Noch eins. Einstand.

Dann: Foulelfmeter für Deutschland. Der Moment, in dem alles gut werden könnte. Gehalten.

Tempogegenstoß. Letzte Sekunde. Tor. Spiel verloren.

Und wieder dieses absurde Gefühl: Recht gehabt. Und trotzdem komplett niedergeschlagen.


Kino, Trailer und das Gefühl von Zeitverschwendung

Dasselbe passiert im Kino. Der Trailer ist vielversprechend. Alle sagen: »Den musst du im Kino sehen, sonst wirkt der nicht.« 

Und während des Films merkst du: Der Trailer hat ungefähr drei Viertel der Handlung erzählt. Die besten Szenen gezeigt und die Wendungen verraten.

Du sitzt da und denkst: Ich hab’s vorher gewusst. Ich hätte warten sollen, bis er auf Netflix läuft.


Bücher, Vorfreude und enttäuschte Erwartungen

Besonders bitter ist es bei Büchern. Du denkst: »Yeah! Der neue Band ist endlich draußen!« – von einem Autor, dessen Schreibe du liebst. Du freust dich. Wirklich. Du willst dieses Buch mögen.

Aber schon nach den ersten Kapiteln merkst du: Es packt dich nicht. Die Figuren bleiben flach. Die Magie ist weg. Du liest weiter, aus Loyalität. Aus Hoffnung. Und du denkst die ganze Zeit: Ich wollte nicht enttäuscht werden.


Essen, Koriander und die Illusion der Anpassung

Beispiel Essen: Ein neues Gericht. Klingt spannend. Du liest die Zutatenliste und bleibst hängen: Koriander. Oder wahlweise Oliven. Du weißt, dass du das nicht magst. Du weißt es wirklich. Aber du denkst: Wenn es da steht, gehört es wohl dazu. Wird schon passen.

Spoiler: Tut es nicht. Da hilft auch kein »Rauspuhlen«. Kein gutes Zureden. Kein erwachsenes Verhalten.


Warum Recht haben manchmal weh tut

Ich glaube, das Problem ist: Wir verwechseln Recht haben mit Gewinnen.

Aber manchmal bedeutet Recht haben nur, dass man die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns korrekt eingeschätzt hat. Das ist keine Superkraft. Das ist eher eine pessimistische Grundhaltung mit Statistikaffinität.

Im Alltag passiert das ständig:

  • Du weißt, dass du zu wenig geschlafen hast und der Tag furchtbar wird. Er wird furchtbar. Applaus.
  • Du ahnst, dass der Paketbote genau dann klingelt, wenn du unter der Dusche stehst. Natürlich tut er das.
  • Du bist sicher, dass »nur kurz Social Media checken« in 45 Minuten Zeitverlust endet. Und? Genau.

All das bringt keine Erleichterung. Nur eine Art resigniertes Schulterzucken. Ein manchmal präzises Orakel, das man am liebsten zum Schweigen bringen würde. Wenn das eintritt, was wir befürchtet haben, bleibt nur ein schales Gefühl.

Recht gehabt – aber nichts gewonnen.

Vielleicht geht es bei epistemischer Erleichterung gar nicht um das Bestätigtwerden. Vielleicht hoffen wir insgeheim, dass wir uns täuschen. Dass unsere skeptischen, leicht zynischen Prognosen widerlegt werden.


Fazit: Zwischen Bauchgefühl und Wunschdenken

Epistemische Erleichterung klingt wie ein warmes Bad für die eigene Intuition. Aber meistens bestätigt sie nicht unsere Hoffnungen, sondern unsere Befürchtungen. Und das ist keine Befreiung – das ist einfach nur das Ende der Illusion.

Ja, ich wusste, dass der Lügner gewinnt.
Ja, ich wusste, dass das Handballspiel kippt.
Ja, ich wusste, dass der Film mittelmäßig, das Buch enttäuschend und Koriander eine schlechte Idee ist.

Zusammenfassend die nüchterne Erkenntnis, dass richtig liegen und zufrieden sein, zwei völlig unterschiedlichen Disziplinen sind.

Denn manchmal ist das schönste Gefühl nicht, recht zu haben, sondern überrascht zu werden.

Von Kerstin Steinkamp

Stifte gespitzt – Segel gesetzt. Ich bin Kerstin Steinkamp – Bloggerin und Zumba-Instruktorin mit Herz, Humor und einer Portion Gelassenheit. Sprache ist mein Handwerkszeug, Bewegung mein Ausgleich – beides steht für Energie, Leichtigkeit und Klarheit. Ich schreibe für Menschen, die wie ich sich selbst nicht zu ernst nehmen – denn manchmal ist das Leben hart genug. Auf meinem Blog verbinde ich ehrliche Einblicke in meinen aus Alltag, Themen, die mich gerade interessieren und meine Kreativität. Mehr über mich findest du hier.

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