Klingt nach Neuanfang, Aufbruch und großen Plänen. Ist es aber nur bedingt.
Der Blogvorschlag Von Judith Peters von The Content Society dieser Woche klang harmlos: Dein Motto für 2026. Ein Satz. Ein Gedanke. Ein Leitspruch fürs neue Jahr. Eigentlich machbar.
Ich habe sehr lange darüber nachgedacht. Vielleicht zu lange. Denn alles, was mir einfiel, klang nach Werbeslogan, Imagebroschüre oder Motivationsposter über dem Drucker. Große Worte waren schnell da. Wollt ihr wissen, was bei mir rausgekommen ist? Bitte sehr: »All Systems Go: 2026!« oder »Neues Wissen. Neue Richtung. Neue Räume.« Klingt beeindruckend, oder? Eben.
Die rettende Idee kam von Birgit Ising (ein großes Shout out an dieser Stelle!) aus dem Co-Bloggen. Zwei Worte. Kein Marketing. Kein Pathos: ALLES NEU!
Große Ziele, kleine Nerven
Man soll sich ja hohe Ziele setzen. Habe ich gelesen. Denn wer sein Ziel zu schnell erreicht, hat angeblich zu klein gedacht. Wenn ich dieser Logik folge, müsste mein Ziel für 2026 nach der Fortbildung entweder die Weltherrschaft sein. Oder wenigstens die feindliche Übernahme von Microsoft, damit Excel endlich kooperiert.
Ja, ich mache eine Fortbildung. Ab Januar. Sechs Monate. Acht Stunden täglich. DATEV, Word, Excel, WordPress und KI. Klingt nicht glamourös. Ist aber sinnvoll. Mein Ziel dazu ist schlicht: so viel wie möglich lernen. Punkt. Dafür brauche ich kein Motto. Sondern Wasser, Tee, Konzentration. Und Technik, die funktioniert und mich nicht hasst.
Nebenbei läuft das Leben weiter. Unser Umbau wartet nicht. Zumba auch nicht. Die tägliche Hausarbeit meldet sich zuverlässig. Buddy sowieso. Platz für weitere ambitionierte Jahresziele? Eher überschaubar. Und ganz ehrlich: Ich glaube nicht, dass mein Kalender noch ein großes »Werde die beste Version deiner selbst«-Projekt verkraftet.
Wenn Planung mehr stresst als hilft
Ich schreibe gern Blogartikel. Das ist kein Vorsatz. Das ist inzwischen Gewohnheit. Wenn es passt, schreibe ich. Wenn nicht, dann eben nicht. Dafür brauche ich keinen Redaktionsplan fürs erste Quartal mit Farbcodes.
Bücher lesen? Serien schauen? Passiert ohnehin. Warum also To-do-Listen erstellen, auf denen im Grunde nur steht: Fortbildung absolvieren und bestehen?
Dasselbe Spiel im zweiten Quartal. Urlaub? Erstmal nein. 30. Hochzeitstag im April? Theoretisch ja, praktisch schauen wir mal. Wenn ich mir jetzt alles aufschreibe, was noch kommen könnte, wird mir schon beim Lesen schwindelig. Planung fühlt sich dann nicht nach Struktur an, sondern nach Überforderung mit Ansage.
Warum mein Motto 2026 kein Projektplan ist
Ein Jahresmotto ist für mich kein Maßnahmenkatalog. Keine Roadmap. Kein Vision-Board mit Pfeilen, Deadlines und motivierenden Schriftarten.
ALLES NEU! beschreibt keinen Zielzustand, sondern eine Haltung: offen bleiben, lernen, ausprobieren, auch mal scheitern dürfen.
Vielleicht wird 2026 anstrengend. Vielleicht überraschend gut. Wahrscheinlich beides. Ein Motto, das alles vorgibt, würde mich eher einengen als unterstützen. Zwei Worte reichen völlig. Alles andere darf sich entwickeln.
Wie heißt es so schön? »Über die Brücke gehen wir erst, wenn wir davorstehen.« Angeblich stammt das von Aristoteles. Ob er Stoiker war? Die Stoiker (ab ca. 300 v. Chr.) waren für meinen Geschmack die coolsten Socken der Philosophiegeschichte. Ihr Mindset ist wie eine mentale kugelsichere Weste – funktioniert heute noch genauso gut wie vor über 2000 Jahren.
Überhaupt sind diese alten Denker wie gut gereifter Wein: vor Christus abgefüllt, heute noch absolut trinkbar.
Stoiker (ab ca. 300 v. Chr.): Gelassenheit für Fortgeschrittene
Die Stoiker wie Epiktet oder Mark Aurel lebten weit vor Christus. Ihr Haltbarkeitsdatum? Bis heute nicht abgelaufen. Ihr Grundsatz: Kümmere dich um das, was du beeinflussen kannst. Den Rest lässt du los.
Sieben stoische Beispiele aus der heutigen Zeit:
- Die Lieferung für den Umbau kommt zu spät. Ärgerlich. Bringt aber nichts.
- Beim Bohren wird eine Leitung angebohrt. Passiert. Panik hilft nicht.
- Dauerregen verzögert alles. Das Wetter diskutiert nicht.
- Excel macht wieder sein eigenes Ding. Du atmest. Tief.
- Der Tagesplan kippt um zehn Uhr. Dann war es eben ein Vorschlag.
- Erwartungen anderer sind hoch. Deine Energie ist begrenzt.
- Technik streikt. Wieder. Gelassen bleiben spart Nerven.
Stoizismus ist keine Gefühlskälte. Es ist innere Ordnung.

Skeptiker (ca. 360–270 v. Chr.): Zweifel als Wellnessprogramm
Falls dir der Stoizismus zu streng ist, habe ich noch andere Klassiker im Angebot: Pyrrhon von Elis und seine Skeptiker stellten grundsätzlich alles infrage. Auch sich selbst. Besonders entspannend.
Ihr berühmter Gedanke: Ich weiß, dass ich nichts weiß. Und selbst da bin ich mir nicht sicher.
- Führt die Fortbildung zum Traumjob? Vielleicht. Vielleicht auch nicht.
- Brauche ich wirklich ein Jahresmotto? Es gibt Argumente dafür und dagegen.
- Wird der Umbau pünktlich fertig? Prognosen sind mutig.
- Ist diese Wandfarbe wirklich „warm“? Oder nur nett umschrieben?
- Macht Planung sicher? Oder nur beschäftigt?
- Muss alles Sinn ergeben? Nicht zwingend sofort.
- To-do-Listen versprechen Kontrolle. Die Zukunft lächelt mild.
Nichtwissen kann überraschend entlastend sein.

Epikureer (ab 307 v. Chr.): Glück ohne Selbstoptimierungsstress
Und dann gibt es meine persönlichen Helden: die Epikureer (ab ca. 307 v. Chr.). Epikurs Ziel war Seelenruhe. Nicht Perfektion. Sein Ruf als Genussmensch ist deutlich schlechter als seine Philosophie.
Sieben epikureische Weisheiten für heute:
- Ziele nur setzen, wenn sie Freude machen.
- Zumba schlägt Selbstoptimierung. Bewegung macht glücklich.
- Kakao mit Sahne zählt als Lebensqualität.
- Weniger wollen reduziert Frust erheblich.
- Freundschaften sind wichtiger als Statussymbole.
- Ein Glas Wein zum Hochzeitstag schlägt jede perfekte Website.
- Kleine Freuden ernst nehmen. Große Versprechen hinterfragen.
Epikur wäre vermutlich ein Fan von Feierabend.

Umbau, Alltag und das große Unplanbare
Neben Fortbildung und Jobsuche passiert noch etwas ganz Wildes: Leben. Unser Umbau ist das beste Beispiel dafür, warum Planung nur bedingt tröstet. Verspätete Lieferungen. Angebohrte Leitungen. Wetter, das Termine ignoriert. Jeder Tag bringt neue Überraschungen. Keine davon stand im Zeitplan.
Hier helfen alle drei Philosophien gleichzeitig: stoisch bleiben, skeptisch hinterfragen, epikureisch genießen – wenn es geht. Manchmal ist Fortschritt einfach nur: Es geht weiter.
Keine Masterpläne, aber eine Richtung
Aktuell bin ich ohne Job. Ein realistisches Ziel für 2026 ist deshalb klar: Nach der Fortbildung einen guten Job finden. Idealerweise mit Homeoffice. Dafür brauche ich Qualifikation. Genau daran arbeite ich.
Mehr kann ich im Moment nicht seriös versprechen. Alles andere wäre Dekoration. Vielleicht passiert zusätzlich Schönes. Vielleicht auch Anstrengendes. Beides gehört dazu. Und beides lässt sich schlecht in Bulletpoints pressen.
Fazit: Mein Motto – ALLES NEU! – ohne Druck
ALLES NEU! ist mein Motto für 2026. Nicht als Anspruch. Sondern als Beschreibung.
Ich muss nicht jedem Trend folgen. Und mein Leben ist keine perfekt kuratierte Erfolgsgeschichte. Wenn ich blogge, dann aus Freude. Nicht wegen eines Content-Plans.
Hohe Ziele sind gut. Aber kein Muss. Manchmal reicht es, aufmerksam zu bleiben. Und freundlich zu sich selbst. Alles andere ergibt sich. Oder eben nicht. Und das ist auch okay.

Stifte gespitzt – Segel gesetzt. Ich bin Kerstin Steinkamp – Bloggerin und Zumba-Instruktorin mit Herz, Humor und einer Portion Gelassenheit. Sprache ist mein Handwerkszeug, Bewegung mein Ausgleich – beides steht für Energie, Leichtigkeit und Klarheit. Ich schreibe für Menschen, die wie ich sich selbst nicht zu ernst nehmen – denn manchmal ist das Leben hart genug. Auf meinem Blog verbinde ich ehrliche Einblicke in meinen aus Alltag, Themen, die mich gerade interessieren und meine Kreativität. Mehr über mich findest du hier.