Zwischen Steuerjammer, Poolblick und plötzlicher Heimatsehnsucht
Noch vor kurzem konnte man auf Social Media den Eindruck bekommen, Deutschland bestehe nur noch aus Steuerbescheiden, Nieselregen und persönlicher Unterdrückung. Jedenfalls dann, wenn man jenen Influencern zuhörte, die sich mit bedeutungsschwerem Blick aus Dubai meldeten und erklärten, warum es in Deutschland nun wirklich nicht mehr auszuhalten sei.
Zu viele Steuern. Zu viele Regeln. Zu wenig Freiheit. Und überhaupt: dieses Land, diese Leute!
Dubai dagegen wirkte in diesen Erzählungen wie das gelobte Land für Menschen mit Ringlicht, Rabattcode und Reichweite. Sonne satt, Luxus nonstop und das Finanzamt so weit weg, dass es fast schon etwas Romantisches hatte.
Nun könnte man sagen: Schön für sie. Jeder darf leben, wo er möchte. Und das stimmt natürlich auch. Wer in Dubai wohnen will, soll in Dubai wohnen. Wer sich dort wohler fühlt als in Deutschland, bitte. Mich stört nicht die Auswanderung. Mich stört die Inszenierung.
Denn was oft verkauft wurde wie ein mutiger Befreiungsschlag, war bei näherem Hinsehen vor allem eins: Steueroptimierung mit Poolblick und Stinkefinger.
Hier ist alles so unerträglich deutsch
Besonders rührend fand ich immer diese Mischung aus Selbstmitleid und Überlegenheit. Natürlich hat Deutschland seine Macken. Und zwar nicht zu knapp. Bürokratie ist hier keine Randnotiz, sondern tragende Säule der Zivilisation. Wer jemals versucht hat, einen Termin bei einem Facharzt zu bekommen, weiß, dass zeitnah ein sehr dehnbarer Begriff ist.
Aber bei all dem Gejammer über Deutschland wurde auffällig selten erwähnt, was dieses Land eben auch bietet: die Freiheit, sich lautstark über alles zu beschweren!
Das ist ja gerade das Lustige.
Denn ausgerechnet viele der Leute, die hierzulande »nichts mehr sagen dürfen« beklagen, zieht es begeistert an einen Ort, an dem man mit freier Meinungsäußerung besser etwas zurückhaltender umgeht. Menschenrechtsorganisationen wie Amnesty International und Human Rights Watch beschreiben die Vereinigten Arabischen Emirate seit Jahren als Land mit harten Einschränkungen der Meinungsfreiheit; auch das US-Außenministerium berichtet von gesetzlichen Grenzen für Kritik an Regierung und Herrschern.
Aber klar: Doppelmoral? Quatsch. Wo denn?
Freiheit ist toll – solange man das Richtige sagt
Was mich an diesem Dubai-Narrativ von Anfang an amüsiert hat, ist die bemerkenswerte Verrenkung in der Argumentation.
In Deutschland, so hieß es, werde man gegängelt, überwacht, eingeschränkt, moralisch bedrängt und steuerlich ausgenommen. In Dubai hingegen finde man Sicherheit, Ruhe und ein besseres Leben.
Nur liegt »Sicherheit« im Auge des Betrachters.
Sicher kann auch ein Gefängnis sein. Da gibt es Regeln. Da kommt ebenfalls nicht viel durcheinander.
Und wenn inzwischen selbst manche, die Dubai vorher in den höchsten Tönen als wahnsinnig sicher gepriesen haben, durchblicken lassen, dass man vor Ort lieber nicht offen sagt, wie man sich wirklich fühlt oder wie angespannt die Lage gerade ist, dann ist das schon ein hübscher Kontrast zu den früheren Freiheitsreden. Human Rights Watch beschreibt in den Emiraten ein Klima der Selbstzensur; Amnesty schreibt, dass tatsächliche oder vermeintliche Kritiker strafrechtlich verfolgt werden können.
Das muss man erst einmal schaffen: aus einem Steuerparadies ein Opfermärchen zu machen.
Plötzlich klingt das Dubai-Märchen anders
Besonders interessant wird es ja immer dann, wenn die glänzende Erzählung Risse bekommt.
Anfang März 2026 wurde der Flugverkehr in Teilen des Nahen Ostens wegen des Kriegs in der Region massiv gestört. Tausende Reisende saßen fest, Flüge wurden gestrichen, und mehrere Staaten organisierten Rückholungen oder Sonderflüge. AP berichtete damals auch über Evakuierungen beziehungsweise Rückreisen aus Dubai nach Frankfurt und über gestrandete Reisende in den VAE.
Und plötzlich klang manches, sagen wir mal, weniger nach »bestes Leben« und mehr nach »wie kommen wir hier eigentlich schnell wieder weg?«
Das ist ja der Teil, den ich so faszinierend finde. Solange alles glänzt, ist Dubai das Nonplusultra aus Sicherheit, Luxus und Überlegenheit. Aber sobald die Lage unübersichtlich wird, Flüge ausfallen oder aus dem Traumstandort ein ganz realer Krisenort wird, entdeckt man schlagartig wieder die Vorzüge des Landes, das vorher angeblich so unerträglich war.
Dann ist Deutschland auf einmal doch wieder interessant.
Dann hätte man doch ganz gern Hilfe.
Dann wäre Heimat plötzlich gar nicht mehr so schlimm.
Am besten bitte zügig, zuverlässig und möglichst organisiert.
Auch diese Wendung ist fast schon rührend.
Und wenn dann in Social Media nebenbei noch erzählt wird, warum Tiere nicht mitkönnen, weil alles gerade zu teuer oder zu kompliziert sei, dann wird es endgültig unerquicklich. Ich formuliere es bewusst vorsichtig: Wer seinen gesamten Lebensentwurf mit Umzug, Luxuswohnung, Contentproduktion und Auswanderungsinszenierung organisiert bekommt, sollte zumindest nicht so tun, als sei ausgerechnet beim Haustier jede Handlungsfähigkeit schlagartig verdampft.
Es ist nicht der Umzug
Ich habe kein Problem damit, wenn Menschen auswandern. Wirklich nicht. Mich stört nicht einmal, wenn jemand offen sagt: Ich gehe nach Dubai, weil ich dort weniger Steuern zahle und das Klima mag. Das wäre wenigstens ehrlich.
Was mich nervt, ist diese Pose.
Dieses so tun, als hätte man Deutschland aus moralischer Notwehr verlassen. Als sei die eigene Auswanderung ein heroischer Akt gegen Unterdrückung, während man in Wahrheit einfach nur dort lebt, wo das Konto freundlicher behandelt wird.
Und wenn dieselben Leute dann gleichzeitig die Sicherheit des Ortes preisen, aber andeuten, dass man lieber nicht offen über die Realität spricht, dann ist das keine feine Nuance mehr. Dann ist das einfach ein Widerspruch mit Sonnenbrille.
Das echte Leben
Vielleicht bin ich bei dem Thema auch deshalb so ungerührt, weil ich selbst gerade andere Sorgen habe
Am letzten Samstag bekam ich Post vom Arzt. Keine nette Erinnerung an die nächste Vorsorge, sondern eine unschöne Diagnose. Dazu gleich ein Überweisungsschein für einen Facharzt und eine lange Liste mit Telefonnummern. An einem Samstag, wohlgemerkt. Ich wusste bis dahin gar nicht, dass Samstage nicht nur dem Finanzamt und ähnlichen Stimmungskünstlern vorbehalten sind, sondern neuerdings auch medizinischen Nervenkrisen.
Also durfte ich bis Montag warten, um einen Termin zu organisieren. Was bekanntlich ein fröhliches Freizeitvergnügen ist.
Bei der ersten Nummer sprang sofort ein Band an: Zurzeit keine Termine. Erst wieder ab Mitte April. Auf Wiederhören. Die zweite Praxis gönnte mir nach rund zwanzig Minuten Warteschleife einen Termin im August. Im August! Wenn man ohnehin schon mit flatternden Nerven dasitzt, wirkt August nicht wie ein Monat, sondern wie eine ferne Epoche.
Und so ging es weiter.
Auf Anraten einer Freundin, die bei einem Arzt arbeitet, bin ich noch einmal zu meinem Hausarzt gefahren. Es war inzwischen zwölf, ich war nervlich ziemlich durch und bekam einen neuen Überweisungsschein mit Dringlichkeitsvermerk. Das klang erst einmal hoffnungsvoll. Also wieder eine Klinik angerufen. Diesmal dachte ich: Na bitte, jetzt wird es vielleicht endlich etwas konkreter.
Dort teilte man mir mit, dass nun ausschließlich der Arzt selbst einen Termin vereinbaren könne. Nicht ich.
Aha.
Warum man mich dann vorher mit meinem Zettel, meiner Diagnose und meinem Rest an Zuversicht einfach wieder nach Hause geschickt hatte, bleibt vermutlich ein gut gehütetes Geheimnis des deutschen Gesundheitswesens. Vielleicht gibt es dafür ein Formular. Vielleicht muss es nur noch abgestempelt werden.
Also sprach ich beim Hausarzt aufs Band, weil dort mittlerweile Mittagspause bis 16 Uhr war. Zu meinem ehrlichen Erstaunen wurde ich tatsächlich zurückgerufen. Ich bekam einen Gesprächstermin für Dienstag in einer Woche. Nicht den morgigen. Nicht bald. Dienstag in einer Woche. Und das noch nicht beim Facharzt – nein. In solchen Momenten erreicht das Wort »dringend« eine ganz neue Bedeutung.
Natürlich habe ich zugesagt. Man nimmt, was man kriegen kann.
In dieser Woche habe ich kaum etwas gegessen. Nicht aus modischen Gründen, nicht wegen Detox, nicht aus Wellness-Überzeugung, sondern weil Angst und Grübelei den Appetit ziemlich zuverlässig zerstören. Um nicht komplett im Kopfkino zu versacken, habe ich gelernt, Bauschutt geschleppt, Tapeten abgerissen, bin mit dem Hund spazieren gegangen und meine Kurse gegeben. Freunde der Sonne, die Tage ziehen sich trotzdem wie Kaugummi!
Und genau deshalb muss ich ganz offen sagen: Das Schicksal der Dubai-Dullis ging mir in dieser Zeit wirklich komplett am Arsch vorbei.
Fazit: Kein Mitleid, keine Häme – nur mein Blick
Ich wünsche allen von Herzen weiterhin warme Temperaturen, funktionierende Klimaanlagen und genug Selbstbewusstsein für die nächste Storyline vom schweren Leben im Steuerparadies.
Aber leidtun?
Tun sie mir nicht.
Nicht nach dieser Inszenierung. Nicht nach diesem Gejammer. Und ganz sicher nicht in einer Woche, in der ich zwischen Diagnose, Warteschleife, Dringlichkeitsvermerk und Nervenzusammenbruch gelernt habe, wie wenig Platz im Kopf für fremdes Luxus-Elend übrigbleibt.
Wer Deutschland verlässt, weil er es wirklich woanders schöner findet: alles gut. Wer Deutschland verlässt und dabei so tut, als sei er politischer Flüchtling mit Designergepäck: schwierig.
Und wer dann, sobald es ungemütlich wird, am liebsten geordnet zurückmöchte, ohne dass die große Erzählung vom perfekten Dubai-Leben Schaden nimmt, der bekommt von mir vor allem eines: ein müdes Lächeln.
Wer bei null Prozent Einkommensteuer und Infinity-Pool noch eine Opferrolle findet, ist wirklich kreativ. Daher ist mein Mitleid ist ungefähr so schwer zu erreichen wie ein Facharzttermin.

PS
Ich gehe jetzt Bauschutt schleppen und die Zeit bis Dienstag irgendwie hinter mich bringen. Euch allen einen schönen Sonntag!

Stifte gespitzt – Segel gesetzt. Ich bin Kerstin Steinkamp – Bloggerin und Zumba-Instruktorin mit Herz, Humor und einer Portion Gelassenheit. Sprache ist mein Handwerkszeug, Bewegung mein Ausgleich – beides steht für Energie, Leichtigkeit und Klarheit. Ich schreibe für Menschen, die wie ich sich selbst nicht zu ernst nehmen – denn manchmal ist das Leben hart genug. Auf meinem Blog verbinde ich ehrliche Einblicke in meinen aus Alltag, Themen, die mich gerade interessieren und meine Kreativität. Mehr über mich findest du hier.