Oder: Warum wir alle dieselben Floskeln benutzen – obwohl sie eigentlich keiner hören möchte.
Neulich blieb ich beim Scrollen auf Instagram an einem Reel hängen. Der Sprecher behauptete voller Überzeugung: »Wenn du einen guten ersten Eindruck hinterlassen willst, dann begrüße Menschen niemals mit: ‚Hallo, ich bin … Freut mich, dich kennenzulernen.‘«
Aha. Offenbar habe ich in den letzten Jahrzehnten alles falsch gemacht. Und nicht nur ich. Vermutlich ganze Generationen von Menschen, die bislang arglos auf Geburtstagen, Fortbildungen und irgendwelchen Veranstaltungen herumstanden und glaubten, mit einem freundlichen »Hallo, ich bin Kerstin« gesellschaftlich auf der sicheren Seite zu sein.

Pustekuchen.
Während ich noch darüber nachdachte, was man stattdessen sagen soll – »Sei gegrüßt, Fremder, erzähl mir von deinen Träumen« erschien mir etwas überambitioniert – fiel mir auf, dass wir tatsächlich ständig dieselben Floskeln benutzen. Aus Höflichkeit, aus Gewohnheit. oder weil unser Gehirn bei Begegnungen mit fremden Menschen kurz auf Energiesparmodus schaltet.
Und dann kommen sie automatisch: »Hallo, ich bin …« »Freut mich.« »Wie geht’s?« »Und was machst du so?«
Dabei bilden wir uns von anderen Menschen erstaunlich schnell einen ersten Eindruck. Nicht gerade beruhigend. Aber vielleicht liegt das Geheimnis gar nicht darin, jetzt sieben neue Begrüßungssätze auswendig zu lernen. Es reicht schon, ein bisschen echter zu sein.
»Hallo, ich bin …«
Natürlich musst du irgendwann deinen Namen verraten. Es sei denn, du planst, den gesamten Abend geheimnisvoll an der Sekt-Theke zu verbringen und am Ende unbemerkt einen langen Schuh zu machen. Und natürlich sollte man sich auch den Namen seines Gegenübers merken.
Sollte. Ich bin darin nämlich ausgesprochen schlecht. Ich kann dir nach fünf Minuten noch erzählen, dass du einen Hund hast, letztes Jahr in Portugal warst, keinen Spargel magst und deine Nachbarin nachts den Rasen sprengt.
Aber dein Name? Weg. Komplett gelöscht. Steuerung – Alt – Entfernen. Dann umschiffe ich jede direkte Anrede mit kunstvollen Formulierungen wie: »Und, wie ist das bei euch so?« In der stillen Hoffnung, dass irgendwann jemand vorbeikommt und sagt: »Ach, Peter, da bist du ja!» PETER! Natürlich!
Einmal wurde ich bei dieser Strategie sogar erwischt. Mein Gegenüber sah mich an und sagte: »Du hast keine Ahnung, wer ich bin, oder?«
Touché. Da half nur noch gerade durch die Wache. »Stimmt. Ich stehe komplett auf der Leitung. Hilf mir mal aufs Rad.«
Seitdem glaube ich ohnehin, dass Ehrlichkeit oft sympathischer ist als dieses verzweifelte Herumeiern, bei dem beide merken, dass einer den Namen vergessen hat, aber alle so tun, als wäre nichts.
Vielleicht muss der Name außerdem gar nicht der allererste Satz sein. Man könnte ein Gespräch auch mit einer Beobachtung beginnen. Zum Beispiel: »Ich glaube, wir stehen beide gerade vor derselben schwierigen Entscheidung: mit oder ohne Remoulade.«
Oder: »Du hast offenbar auch den einzigen Platz entdeckt, an dem man nicht direkt in der Sonne gegrillt wird.« Schon redet man miteinander. Und es fühlt sich weniger danach an, als müssten gleich gegenseitig Lebenslauf, Familienstand und Pay-Back-Guthaben eingesehen werden.
Die gefährlichste Frage der Welt
Es gibt eine Frage, die ich nur dann stelle, wenn ich die Antwort wirklich wissen möchte: »Wie geht’s dir?« Denn mal ehrlich: Im klassischen Small Talk erwartet darauf kaum jemand eine ehrliche Bestandsaufnahme. »Gut, und selbst?« Das ist das gesellschaftlich akzeptierte Passwort.
Und genau deshalb sage ich häufig lieber: »Schön, dich zu sehen.« Oder: »Was gibt’s bei dir gerade Schönes?« Das Wort »Schönes« ist dabei durchaus Absicht. Denn ich möchte bei einer zufälligen Begegnung an der Pommesbude nicht zwingend nach drei Minuten wissen, wie die Knieoperation Hildegard, also der Cousine der Schwester deiner Tante Mechthild verlaufen ist, deren Sohn Konrad aus erster Ehe jetzt übrigens Laktoseintolerant ist.
Ich kenne diese Menschen nicht. Ich werde sie vermutlich niemals kennenlernen. Und selbst wenn: Bis dahin habe ich ihre Namen sowieso wieder vergessen. Das bedeutet natürlich nicht, dass ich nichts von den Sorgen anderer Menschen hören möchte. Im Gegenteil. Wenn es jemandem, der mir wichtig ist, schlecht geht, interessiert mich das sehr.
Aber ich unterscheide zwischen einem echten Gespräch und dem medizinischen Lagebericht des erweiterten Familienverbandes.
Eine bemerkenswerte Gesprächseröffnung ist übrigens auch:
»Na, auch hier?« Ja. Offensichtlich. Wo zur Hölle denn sonst? Ich bin selten gleichzeitig hier und in Bielefeld. Trotzdem antworten wir höflich: »Ja.« Was soll man auch sonst sagen? »Nein, das täuscht. Mein inneres Kind sitzt noch bei IKEA im Bällebad und möchte abgeholt werden.«
Stell Fragen, auf die du selbst gerne antworten würdest
Der Small-Talk-Klassiker lautet: »Und, was machst du beruflich?« Ist völlig okay – bei mir allerdings dünnes Eis, da ich arbeitslos bin. Ich bekomme dann das Gefühl, als würde geprüft, ob sich das weitere Gespräch mit mir gesellschaftlich lohnt.
Ich mag Fragen lieber, bei denen man nicht sofort seine berufliche Visitenkarte auf den Tisch legen muss. Zum Beispiel: »Was hat dich heute hierher verschlagen?« Oder: »Was hast du zuletzt gelesen, dass du nicht mehr aus der Hand legen konntest?«
Sehr gute Frage übrigens. Da könnte ich sofort antworten. Auch schön: »Welche Serie guckst du gerade?« »Was hörst du momentan beim Autofahren?«
Oder der meiner Meinung nach völlig unterschätzte Gesprächsöffner: »Hast du eigentlich ein Haustier?« Frag das einen Hundemenschen und du brauchst für die nächste halbe Stunde kein weiteres Gesprächsthema. Mit etwas Glück wird bereits nach 90 Sekunden das Handy gezückt. »Warte, ich glaub ich habe ein Foto.« Dann folgen 73 nahezu identische Bilder eines Hundes auf einem Sofa.
Und das sage ich vollkommen wertfrei. Jeder weiß schließlich, dass Bild Nummer 41 fundamental anders ist als Bild Nummer 42. Auf Nummer 42 guckt er schließlich so süß. Solche Fragen erzählen oft viel mehr über einen Menschen als seine Berufsbezeichnung. Denn so wird aus einem höflichen Gespräch ein echtes.
Beobachten schlägt Standardkomplimente
»Cooles Outfit.« Nett. Wirklich. Aber auch ein Satz, den man vermutlich schon 37-mal gehört hat. Persönlicher wird es, wenn man etwas wahrnimmt. »Die Farbe ist der absolute Hammer.« Oder: »Du hast gerade als Einzige darüber gelacht – ich dachte schon, diese Art von Flachwitz trifft nur meinen Humor.«
Oder sogar: »Du wirkst, als würdest du hier jemanden kennen. Wo gibt es denn die Eiswürfel?«
Gut, Letzteres ist möglicherweise weniger Kompliment als strategische Informationsbeschaffung. Aber auch daraus kann ein Gespräch entstehen. Nicht soviel nachdenken im Sinne von: »Was soll ich bloß sagen?«
Die bessere Frage, die man sich stellen sollte, lautet: »Was fällt mir an diesem Menschen gerade auf?« Ich merke schnell, ob man wirklich bei mir ist oder bereits über meine Schulter scannt, ob irgendwo jemand Interessanteres herumsteht.
Wir mögen Menschen, bei denen wir das Gefühl haben, wirklich gesehen zu werden. Nicht taxiert und kategorisiert, sondern einfach gesehen werden.
Lass den anderen auch mal die Hauptrolle spielen
Kennst du Menschen, die auf jede deiner Geschichten sofort ihre eigene erzählen? Sofern sie dich überhaupt ausreden lassen. Du sagst: »Wir waren letztes Wochenende auf Langeoog.«
Antwort: »Ach, Langeoog! Da waren wir 1998. Da war das Wetter besser. Wobei, auf Norderney war es noch schöner. da ist ja mehr los. Meine Schwägerin, die fährt ja immer nach Juist. Also, die Schwester von Klaus. Kennst du Klaus? Nein? Der hatte doch damals diesen roten Golf. Jedenfalls …«
Und zack. Bist du nur noch Statist in deinem eigenen Gespräch. Ich glaube, wir merken uns Menschen viel weniger wegen all der großartigen Geschichten, die sie uns erzählt haben. Wir merken uns viel stärker, wie wir uns mit ihnen gefühlt haben. Ob sie interessiert waren, sie zugehört haben, sie uns ausreden ließen.
Oder ob sie nur darauf gewartet haben, dass wir endlich Luft holen, damit sie übernehmen können. Ein gutes Gespräch ist schließlich kein Podcast, bei dem eine Person gleichzeitig Moderator, Gast und Werbepause ist.
Wenn mich jemand permanent unterbricht, verfalle ich irgendwann in eisiges Schweigen. Sollte mein Gegenüber das tatsächlich bemerken – was bei notorischen Unterbrechern erstaunlich selten vorkommt – und fragen: »Was wolltest du gerade sagen?« antworte ich gern: »Hab ich vergessen.« Damit kann man Menschen in den Wahnsinn treiben. Ich schwör.
Erzähl nicht nur, was du machst – erzähl, was du bewirkst
Wenn mich jemand fragt, was ich mache, könnte ich sagen: »Ich gebe Zumba-Kurse.« Stimmt. Ich könnte aber auch sagen: »Ich sorge dafür, dass Menschen freiwillig schwitzen und trotzdem lachend nach Hause gehen.« Das erzählt plötzlich etwas ganz anderes.
Oder in Bezug auf meinen Blog: »Ich schreibe über die kleinen Absurditäten des Alltags – also über Dinge, die anderen auch passieren, die aber nicht jeder anschließend ins Internet stellt.«
Und dann gibt es da noch mein KI-Projekt, von dem bisher noch niemand etwas weiß. Ich könnte sagen: »Ich beschäftige mich mit künstlicher Intelligenz.« Klingt ungefähr so spannend wie ein Handbuch für Druckertreiber. Also besser: „Ich übersetze künstliche Intelligenz in Alltagssprache – damit niemand das Gefühl haben muss, erst Informatik studieren zu müssen.“ Schon entsteht ein Bild. Unser Gehirn liebt Bilder und Geschichten.
Berufsbezeichnungen dagegen? Schwierig. Ich werde zum Beispiel regelmäßig gefragt, was meine Tochter studiert. Natürlich weiß ich das! Selbstverständlich. Also grundsätzlich. Nur die korrekte Bezeichnung fällt mir zuverlässig genau in dem Moment nicht ein, in dem mich jemand danach fragt. Dann stehe ich da und sage Dinge wie: »Irgendwas mit … also … du weißt schon …«
Nein. Mein Gegenüber weiß es natürlich nicht. Deshalb fragt es ja. Shame on me.
Perfekt sein? Bloß nicht.
Und jetzt kommt eine peinliche Anekdote: Vor einiger Zeit rief ich jemanden zurück. Die Nummer war wichtig. Als sich am anderen Ende jemand meldete, hätte ich einfach sagen können: »Entschuldigen Sie bitte, ich konnte gerade nicht ans Telefon.«
Fertig. Völlig ausreichend. Professionell. Stattdessen hörte ich mich sagen:
»Es tut mir leid. Ich konnte nicht rangehen, weil ich unter der Dusche stand. Danach musste ich sofort zu meiner Mutter. Die wurde nämlich heute 80 und ich war für die Käseplatten zuständig.«
…
Warum? Ich weiß es bis heute nicht. Niemand hatte nach einer Erklärung gefragt. Niemand wollte wissen, wo ich war. Und ganz sicher benötigte niemand Informationen über meine damalige Verantwortlichkeit im Bereich Käseplattenmanagement.
Aber mein Gehirn entschied offenbar: Diese Informationen sind jetzt unverzichtbar. Und weißt du was? Ich bin ziemlich sicher, dass sich diese Person bis heute an das Telefonat erinnert. Nicht wegen meines Namens. Nicht wegen meiner ausgefeilten Kommunikationsstrategie. Sondern wegen der Käseplatten.
Fazit: Vielleicht dürfen wir einfach ein bisschen echter sein
Vielleicht brauchen wir gar keine sieben perfekten Begrüßungs-Hacks. Vielleicht reicht es schon, neugierig zu sein. Zuzuhören. Eine echte Frage zu stellen. Den anderen nicht sofort mit der eigenen Geschichte zu überrollen. Und nicht während des Gesprächs innerlich schon die nächste besonders schlaue Antwort vorzubereiten.
Ja, ich weiß. Instagram erzählt uns etwas anderes. Dort gibt es inzwischen für alles eine Anleitung:
- Den perfekten ersten Eindruck.
- Den perfekten Small Talk.
- Die perfekte Begrüßung.
- Die perfekte Morgenroutine.
- Die perfekte Körpersprache.
- Und natürlich die perfekte Selbstoptimierung. Ich hasse allein das Wort.
Als wären wir alle ein Betriebssystem, bei dem dringend Version Schieß-mich-tot installiert werden müsste. Ich glaube nicht, dass wir Menschen mögen, weil sie den perfekten Satz gesagt haben. Wir mögen sie, weil sie gelacht haben. Weil sie zugehört haben. Weil sie neugierig waren. Weil wir uns in ihrer Nähe nicht vorkamen wie bei einem Vorstellungsgespräch.
Der Punkt ist: Ein bisschen bekloppt macht uns oft sympathischer als perfekt.
Und falls wir uns irgendwann einmal persönlich begegnen und ich dir innerhalb der ersten fünf Minuten irgendeine vollkommen unnötige Hintergrundgeschichte erzähle …
… dann weißt du jetzt wenigstens: Das ist kein Gesprächs-Hack und auch keine Strategie.
Das bin einfach ich.

Stifte gespitzt – Segel gesetzt. Ich bin Kerstin Steinkamp – Bloggerin und Zumba-Instruktorin mit Herz, Humor und einer Portion Gelassenheit. Sprache ist mein Handwerkszeug, Bewegung mein Ausgleich – beides steht für Energie, Leichtigkeit und Klarheit. Ich schreibe für Menschen, die wie ich sich selbst nicht zu ernst nehmen – denn manchmal ist das Leben hart genug. Auf meinem Blog verbinde ich ehrliche Einblicke in meinen aus Alltag, Themen, die mich gerade interessieren und meine Kreativität. Mehr über mich findest du hier.