Früher dachte ich, Erwachsene seien diese uralten Menschen, jenseits der 35, die alles im Griff haben. Sie bekommen Post. Umschläge, die im Briefkasten landen. Sie wissen, wie Steuerklassen funktionieren, lesen Versicherungsunterlagen freiwillig und können sich ohne YouTube-Tutorial für den richtigen Dübel entscheiden. Erwachsene, so dachte ich, besitzen Kompetenz. Souveränität. Überblick.
Heute bin ich selbst erwachsen und kann mit einem leicht hysterischem Lachen: Das war offenbar ein Missverständnis.
Erwachsensein ist in Wahrheit kein Zustand. Es ist ein Improvisationstheater ohne Probe. Mit zu vielen Passwörtern, zu wenig Fachwissen und dem permanenten Gefühl, dass jeden Moment jemand reinkommt ernsthaft nachfragt. Und man dann auffliegt.
Man trifft täglich Entscheidungen mit erschreckend wenig Kompetenzbasis, nickt in Gesprächen bedeutungsvoll bei Wörtern wie »Implantat« (Zähne, Schultern, Hüfte oder Knie – nicht Hupen oder Hintern!), »Spiegelung« (innen, nicht außen) oder »Langzeitblutzucker« und googelt heimlich hinterher, ob HbA1c etwas mit WLAN zu tun hat oder doch ein medizinischer Wert ist.
Kurz gesagt: Erwachsensein ist auch nur betreutes Improvisieren.
Nur leider ohne Betreuung.
Neue Vokabeln, neue Sorgen, neuer Smalltalk
Irgendwann merkt man, dass sich der Wortschatz verändert hat. Früher ging es in Gesprächen um Festivals, Fernbeziehungen und die Frage, wer das Bier besorgt.
Heute fallen Sätze wie:
»Meine Spiegelung war unauffällig.«
»Ich nehme jetzt Ashwagandha.«
»Seit der Arthrose trage ich Einlagen und kaufe stabiles Schuhwerk.«
»Die haben das Solebad in der Claire-Grube-Therme aus Kostengründen auf knappe 30 Grad runtergesetzt. Nicht mit uns!«
Niemand lacht. Niemand fragt nach. Alle nicken nur respektvoll, als wäre das die normale Entwicklung einer gepflegten Konversation.
Man redet plötzlich nicht mehr über Cocktails, sondern über Cortisol.
Nicht über Tinder, sondern über Triggerpunkte.
Nicht über Höhenflüge, sondern über Harnsäurewerte.
Gleichzeitig diskutiert man mit erstaunlicher Ernsthaftigkeit über E-Bike-Reichweiten, Wallboxen und die Frage, welcher Wohnmobilstellplatz in der Nebensaison noch »authentisch« ist.
Das Leben ist seltsam abgebogen, ohne dass wir Zeit hatten, den Blinker zu setzen.
Früher haben wir durchgemacht. Heute laden wir Akkus.
Es gibt diesen Moment im Leben, da erkennt man: Die wilde Phase ist vorbei. Es sei denn, man befindet sich auf Radtour mit seinen Mädels – sorry nochmal, Wiebke, dass ich dir das gerade frisch geöffnete Dosenbier gestern aus der Hand gehauen habe. War echt keine Absicht!
Früher wurden Nächte durchgemacht. Heute wird vor der Radtour der Akku geladen. Früher kam Stress auf, wenn man Montag noch nicht wusste, wo am kommenden Wochenende die nächste Party steigt. Heute schaut man fast erleichtert in den Kalender, wenn keine Termine vermerkt sind.
Man (ich nicht – ich spinne nur gerade vor mich hin! My Blog is my Castle) steht morgens geschniegelt in Funktionskleidung vor dem E-Bike, kontrolliert Reifendruck, Akkustand und die Vario-Sattelstütze (nicht ich, der Göttergatte) und sagt Sätze wie: »Wenn wir Eco-Modus fahren, schaffen wir den Anstieg ganz entspannt. (nicht ich, ich fahre Turbo – weil ich’s kann!)«
Und während wir früher den Sonnenaufgang nach einer durchzechten Nacht kaum bemerkt haben, laden wir heute samstags zum Brunch ein – damit wir sonntags Zeit haben, uns mit einer Tuchmaske, Wärmepflaster im Nacken und einem leichten Gefühl von sozialer Erschöpfung wieder halbwegs in die Senkrechte zu bringen.
Fortschritt ist auch nur Verdrängung mit Ladegerät.
Protein, Pilates und die stille Angst vorm Hexenbuckel
Irgendwann kommt der Punkt, da isst man nicht mehr einfach nur.
Man achtet auf Protein und Keratin.
»Ich muss auf meinen Eiweißbedarf kommen.«
»Ab 50 baut man sonst Muskulatur ab.«
»Ich mache jetzt täglich Krafttraining für die Knochendichte.«
Früher bedeutete »Shake« Erdbeere mit Sahne. Heute ist es Vanille-Whey mit Chiasamen und einem Hauch von Ekel, denn das Zeug muss ja irgendwie runter.
Man steht morgens in der Küche, rührt Kollagenpulver in den Kaffee, löffelt Magerquark wie ein Hochleistungssportler auf Reha und erklärt mit ernster Miene, dass das alles nur präventiv sei. Man will schließlich keinen Hexenbuckel. Man möchte auch in Würde altern. Und vor allem aufrecht. Ohne Falten. Ohne Eitelkeit. Nur Haltung. So nämlich.
Also machen wir jetzt Pilates, Yoga oder Mobility. Oder funktionales Training mit Gummibändern, an denen wir entspannt von der Decke baumeln. Und hey? Warum nicht?
Digital? Ja. Aber nur unter Aufsicht.
Es gibt im Erwachsenenleben diesen demütigenden Kipppunkt, an dem man technisch plötzlich nicht mehr zur Avantgarde gehört, sondern zur Risikogruppe.
Man besitzt Smartphone, Tablet und Laptop. Theoretisch alle Möglichkeiten. Praktisch bin ich nur der DAU – der dümmste anzunehmende User.
Meine Hilferufe gehen inzwischen routiniert an den Göttergatten oder die erwachsenen Kinder. Die betreten den Raum mit der Miene überarbeiteter IT-Support-Mitarbeiter und beantworten nahezu jede Frage mit:
»Hast du schon mal neu gestartet?«
Oder:
»Du musst einfach das Update bestätigen.«
Na klar.
Ich Dussel.
Natürlich.
Wie konnte ich das übersehen.
Gerne lasse ich mir erklären, wie die Bahn-App funktioniert, nachdem ich sie unter Aufsicht installiert habe, wie Instagram »den Algorithmus pusht« und wie man am Laptop einen Screenshot macht, während mein Gegenüber mich ansieht, als hätte ich eben versucht, mit einer Fernbedienung die Mikrowelle zu starten.
Und ich?
Ignoriere heldenhaft den mitleidigen Blick, sage »Sicher, leuchtet ein« und hoffe, dass ich es mir bis morgen merke.
Spoiler: nein.
Zwischen Steuerbescheid und Siebträgerkrise
Erwachsensein besteht zu einem beunruhigend großen Teil daraus, Dinge zu besitzen, deren Bedienung man nie vollständig verstanden hat. Ich hinterfrage nicht.
Versicherungen zum Beispiel.
Niemand weiß genau, was er abgeschlossen hat. Man weiß nur: Es ist wichtig und vermutlich richtig.
Oder Haushaltsgeräte.
Warum hat ein Backofen inzwischen mehr Einstellungen als mein erstes Handy?
Warum klingt die Heißluftfritteuse wie ein startender Kleinjet?
Wie liest man den automatischen Saugwischreiniger ein? Und warum kann er nicht hochkant?
Am Ende machen wir es wie alle vor uns: irgendwie
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe des Erwachsenseins: Niemand weiß wirklich, was er tut. Die einen wirken nur überzeugender dabei.
Wir alle improvisieren oder manipulieren uns durch Steuererklärungen, Gesundheitsbegriffe, App-Updates, Küchengeräte und das diffuse Gefühl, eigentlich mehr Ahnung haben zu müssen.
Wir googeln Symptome, verdrängen Wartungsleuchten oder abgelaufene TÜV-Stempel, ignorieren Impfausweise, nicken bei Fachbegriffen und treffen erstaunlich weitreichende Entscheidungen auf Basis von drei Erfahrungsberichten, einer ZDF-Doku und einem halb verstandenen Vergleichsportal.
Und trotzdem läuft es irgendwie.
Nicht elegant.
Nicht fehlerfrei.
Aber erstaunlich stabil.
Erwachsensein ist am Ende vielleicht genau das: Mit begrenztem Wissen, leichtem Rücken und schwankendem WLAN so zu tun, als hätte man einen Plan. Und ehrlich gesagt: Dafür machen wir das ganz ordentlich. Meistens.

Stifte gespitzt – Segel gesetzt. Ich bin Kerstin Steinkamp – Bloggerin und Zumba-Instruktorin mit Herz, Humor und einer Portion Gelassenheit. Sprache ist mein Handwerkszeug, Bewegung mein Ausgleich – beides steht für Energie, Leichtigkeit und Klarheit. Ich schreibe für Menschen, die wie ich sich selbst nicht zu ernst nehmen – denn manchmal ist das Leben hart genug. Auf meinem Blog verbinde ich ehrliche Einblicke in meinen aus Alltag, Themen, die mich gerade interessieren und meine Kreativität. Mehr über mich findest du hier.