Oder: die Übergangsjacke 2.0
Eigentlich wollte ich mal wieder über Buchempfehlungen schreiben. Also nicht wirklich Empfehlungen, eher so »Lest das – oder spart euch die Lebenszeit«-Hinweise, ähnlich wie in diesem Artikel. Wobei »eigentlich« schon dieses kleine Warnschild ist, das signalisiert: Ab hier nimmt der Text eine Abzweigung ins Ungefähre. »Vielleicht« ist auch so ein Wort. Vielleicht schreibe ich darüber. Vielleicht lese ich vorher noch etwas. Vielleicht räume ich endlich dieses stumme Mahnmal einfach weg.

Vielleicht auch einfach nicht.
Denn die Wahrheit ist: Ich habe in den letzten drei Monaten kaum gelesen. Also wirklich kaum. Der Bücherstapel dümpelt vor sich hin wie ein vergessenes Tretboot am Seeufer. Er ist da. Er schaut mich an. Ich schaue zurück. Wir wissen beide, dass zwischen uns gerade nichts passiert.
Stattdessen habe ich Filme geschaut. Herrlich anspruchsarme Formate, die man »mal eben« gucken kann. Dinge, die keine Lesebrille brauchen und keine Konzentration, sondern maximal eine halbwegs stabile Aufmerksamkeitsspanne von der Wand bis zur Tapete und Snacks.
Und dann kam er: der neue Downton-Abbey-Film.
Zwischen Teezeremonie und Tiefschlaf
Ich mochte Downton Abbey wirklich. Damals. Die Serie, die Figuren, die prachtvollen Kleider und diese herrlich theatralische Art, mit der ein silbernes Tablett in den Raum getragen wurde. Besonders amüsant war es immer, den Butler dabei zu beobachten, wie er das Wort »Geld« – sollte es einmal ein unbedarfter Besucher in den Mund nehmen – mit einem derart tiefsitzenden Abscheu quittierte, als hätte man ihn gerade gebeten, den Teppich abzulecken. Und natürlich Maggie Smith als die unnachahmliche Violet Crawley, die bei der Erwähnung des Wortes »Wochenende« nur verwundert die Augenbrauen hochzog und fragte: »Wochenende? Was ist das?«, wohl wissend, dass ihr Leben ohnehin nur aus einer unendlichen Abfolge zwischen Teezeremonien und Abendgalas bestand.
Aber dieser Film… sagen wir es so: Ich habe selten so elegant gelangweilt vor mich hingegähnt, bis ich zwischendurch eingeschlafen bin. Das große Finale?
Es passierte alles – und gleichzeitig nichts. Menschen gingen durch Räume. Bedeutungsvolle Blicke wurden ausgetauscht. Irgendwo klimperte Porzellan. Und ich saß da und dachte: Das war’s jetzt?
Immerhin habe ich kein Eintritt dafür bezahlt. Kleine Siege muss man feiern.
Aufgewärmte Gags schmecken auch nicht besser
Dann, als Kontrastprogramm, »Das Kanu des Manitu«. Ich hatte Hoffnung. Nostalgie kann ja viel tragen. Man erinnert sich ja gern an Dinge, die man früher lustig fand. Aber irgendwann – und ich weiß nicht genau wann – kippt es.
Wenn Witze nicht mehr zünden, hilft es nicht, sie noch einmal aufzuwärmen. Oder dreimal. Oder lauter vorzutragen. Oder mit mehr Grimassen.
Es ist ein bisschen wie aufgeplatzte Würstchen, die noch vom Vortag im Sud liegen: Kann man essen. Aber man muss es nicht.
Und da saß ich wieder und dachte: Vielleicht bin ich einfach in einer… Übergangsphase – oder mein Humor hat sich verändert.

Die Übergangsjacke des Lebens
Du kennst das: Diese eine Jacke, die man anzieht, wenn man nicht weiß, ob es kalt oder warm ist. Zu dünn für den Winter, zu dick für den Sommer, aber irgendwie alternativlos.
Die Übergangsjacke ist kein Kleidungsstück. Sie ist Einstellungssache.
Und ich glaube, ich stecke gerade in genau so einer Phase. Nur eben nicht modisch, sondern… existenziell leicht irritiert.

Zwischen »Ich müsste« und »Scheiß drauf«
Diese Phase hat ganz eigene Symptome:
- Bücher werden gekauft, aber nicht gelesen
- Serien werden angefangen, aber nicht beendet
- Filme werden geschaut, aber sofort wieder vergessen
- To-do-Listen werden geschrieben, aber gekonnt ignoriert
Man ist beschäftigt, aber nicht produktiv. Müde, aber nicht erschöpft. Motiviert, aber nicht für das, was man eigentlich tun wollte.
Eine perfekte Übergangsjacke-Situation. Ein Zustand wie eine App, die im Hintergrund läuft und Akku zieht, ohne dass man weiß, warum.
Weiterbildung? Ja. Nein. Oder einfach: Pech gehabt.
Und dann denkst du dir: Gut, dann mache ich wenigstens etwas Sinnvolles. Weiterbildung. Struktur. Zukunft.
Du meldest dich an. Du ziehst das durch. Und ganz ehrlich: Es lief ja sogar gut.
Bis auf diesen einen Dozenten. Für DATEV. Hier habe ich den Typen schon mal verwurstet. Laut, unfreundlich, kettenrauchend, dauerhaft genervt – als hätte ihn jemand gezwungen, ausgerechnet dich zu unterrichten. Ein unempathischer Mensch mit Inselbegabung. Fachlich okay, menschlich fragwürdig wie eine gestrickte Übergangsjacke bei Dauerregen.
Aber gut, da beißt du dich durch. Ist ja nur ein Teil.
Der Rest? Wirklich gut. Du bist motiviert, du bleibst dran, du hast das Gefühl: Das bringt mich weiter.
Und dann passiert Folgendes:
Der WordPress-Kurs wird abgesagt.
Nicht von dir.
Von der Akademie.
Einfach so.
Und jetzt wird’s richtig absurd
Du denkst: Okay, blöd gelaufen. Dann mache ich halt später weiter.
Denkste.
Damit du wieder einsteigen kannst, brauchst du einen neuen Gutschein vom Arbeitsamt. Klingt machbar, oder? Spoiler: Es ist ungefähr so realistisch wie ein entspannter Termin beim Straßenverkehrsamt.
Denn: Den bekommst du nicht.
Obwohl du nichts dafür kannst.
Obwohl die Akademie den Kurs gestrichen hat.
Obwohl dein Bildungsgutschein noch nicht ausgeschöpft ist.
Das Ergebnis?
Der Kurs ist weg.
Der Anschluss fehlt.
Die Akademie kann dir nichts Passendes anbieten, um die Lücke bis zum 20. Mai zu füllen.
Und das Arbeitsamt sagt: Nö.
Das Ergebnis:
Ich hänge. In der Luft. Im System. Im Niemandsland zwischen »lief eigentlich gut« und »zu früh gefreut«.
Die Akademie: kann nichts anbieten.
Das Amt: will nichts anbieten.
Ich: sitze da wie ein Ladebalken bei 73 %.
Übergangsphase, aber bitte ohne Übergang
Das ist dann der Moment, in dem du verstehst, was eine echte Übergangsphase ist. Gibt es einen Unterschied zwischen matschigen Haferflocken und Overnight-Oats?

Nicht dieses romantische »Ich finde mich gerade neu«.
Sondern eher: Ich würde ja gern weitermachen, aber keiner lässt mich.
Du hast Zeit – aber darfst sie nicht sinnvoll nutzen.
Du hast Motivation – aber keinen Kurs.
Du hast einen Gutschein – aber kannst ihn nicht einsetzen.
Ich weiß, das klingt jetzt alles sehr nach »Mimimi. Heul leise – deine Probleme möchte ich haben«, aber ich hasse Ineffizienz gepaart mit deutscher Bürokratie.
Kleine Highlights im Dazwischen
Wenn man ehrlich ist, gibt es sie ja doch, die kleinen Momente:
Ein Kapitel, das man plötzlich doch liest.
Ein Film, der überraschend gut ist (kommt vor!).
Ein Gedanke, der hängen bleibt und ausformuliert wird.
Oder ich stehe auf der Leiter mit dem Makita-Bohrhammer fest in beiden Händen, kloppe den Putz von der Decke und denke: Das hier ist wenigstens eindeutig.


Oder einfach das Gefühl, dass es gerade okay ist, nicht alles im Griff zu haben.
Manchmal ist das schon genug.
Und der Bücherstapel?
Der liegt immer noch da.
Aber ich sehe ihn inzwischen entspannter. Er ist kein Mahnmal mehr, sondern eher ein Angebot. Eine Option. Eine Art literarische Übergangsjacke: bereit, wenn ich es bin.
Und vielleicht lese ich morgen wirklich ein paar Seiten.
Vielleicht.
Fazit: Trag die verdammte Jacke
Diese Übergangsjacke ist kein Fashion-Statement. Sie ist ein Kompromiss mit der Realität. Wie meine derzeitige Übergangsphase im Leben. Es nervt – ist aber nicht zu ändern.
Du musst nicht alles im Griff haben.
Du musst nicht sofort produktiv werden.
Du darfst auch einfach mal dazwischen hängen.
Zwischen Motivation und Netflix.
Zwischen Plan und Planlosigkeit.
Zwischen »Ich wollte doch eigentlich…« und »Fuck you«.
Und manchmal eben auch zwischen Kursstart und Bürokratie-Endgegner.
Also ja: Zieh die Jacke an.Sie ist vielleicht nicht schön.
Aber sie bringt dich durch und steht dir wahrscheinlich besser, als du denkst

Stifte gespitzt – Segel gesetzt. Ich bin Kerstin Steinkamp – Bloggerin und Zumba-Instruktorin mit Herz, Humor und einer Portion Gelassenheit. Sprache ist mein Handwerkszeug, Bewegung mein Ausgleich – beides steht für Energie, Leichtigkeit und Klarheit. Ich schreibe für Menschen, die wie ich sich selbst nicht zu ernst nehmen – denn manchmal ist das Leben hart genug. Auf meinem Blog verbinde ich ehrliche Einblicke in meinen aus Alltag, Themen, die mich gerade interessieren und meine Kreativität. Mehr über mich findest du hier.